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Die Jahre 1946 bis 1961


>>> Online-Dokumente zu dieser Lebensphase Hermann Schroeders finden Sie hier.

Pädagogisches Wirken in Köln

Nach dem Krieg knüpfte Schroeder zunächst wieder in Trier an und war einige Monate Organist und Chorleiter an St. Paulin. Hier entstand als eine der ersten Kompositionen die "Pauliner Orgelmesse" für gemischten Chor und obligate Orgel, ein ausdrucksstarkes Werk und sein "Dankgebet" nach der Beendigung der zurückliegenden schreckensvollen Zeit.
1946 zog Schroeder endgültig nach Köln, da er einen Ruf an die unter Heinrich Lemacher und Walter Braunfels wiedereröffnete Musikhochschule erhielt. In Köln lebte er bis zu seinem Tode und lehrte von 1946 bis 1981 an der Musikhochschule als Professor für Tonsatz, Musiktheorie, Musikgeschichte und Chorleitung.

Dort hat er mehrere Generationen von Kirchen- und Schulmusikstudenten nachhaltig geprägt, vor allem durch die gemeinsam mit Heinrich Lemacher verfassten musiktheoretischen Lehrbücher: Lehrbuch des Kontrapunkts (1950), Generalbassübungen (1954), Harmonielehre (1958), Formenlehre der Musik (1962). Einen Lehrauftrag für Musiktheorie hatte er 25 Jahre lang auch am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Bonn (1946-72), einige Zeit auch an dem der Universität Köln (1956-61).



Zu seinen Schülern in Harmonielehre und Kontrapunkt gehörte 1951/52 auch der Komponist Karlheinz Stockhausen, der laut Schroeder "eine enorme Begabung" zeigte und ein "glänzendes Schulmusikexamen" machte. Stockhausen hat Mitte der 70er Jahre einige seiner Frühwerke für Aufnahmen und zur Veröffentlichung freigegeben und sich in diesem Zusammenhang über den Unterricht bei Schroeder geäußert: "Von 1947-1951 habe ich an er Staatlichen Hochschule für Musik Köln Klavier als Hauptfach und Schulmusik studiert. Harmonielehre und Kontrapunkt waren Pflichtfächer, und gegen Ende des Studiums gehörten freiere kompositorische 'Stilübungen' selbstverständlich mit zur Ausbildung. Ich komponierte Fugen, Choralvorspiele, Liedbearbeitungen, Chorsätze, Sonaten in den verschiedensten Stilen der Tradition. Da ich selbst im Chor der Hochschule mitsang, schrieb ich auch gelegentlich freie A-capella-Chorsätze, von denen der "Choral" und die "Chöre für Doris" ein Beispiel sind. (...) Vor dem Staatsexamen schrieb ich als 'freie Arbeiten' die "Lieder für Altstimme und Kammerorchester" (1950) und die "Sonatine für Violine und Klavier" (1951).

Ob und wie Schroeder Stockhausen in der Sonatine beeinflusst hat, ist am ehesten im langsamen Satz spürbar, der die kontrapunktische Form der Passacaglia verwendet, ein Gestaltungsprinzip, das Schroeder (wie auch andere Komponisten im Umkreis des Neoklassizismus) gerne verwendete. Als Lehrer für klassische Musiktheorie schätzte Stockhausen Schroeder sehr, denn er schickte noch Jahre später des öfteren Kompositionsstudenten in den Unterricht zu seinem ehemaligen Lehrer.

Probe des Bach-Vereins Köln Anfang der 50er Jahre ( Bach-Verein Köln)

Der Dirigent
Der von ihm gegründete "Madrigalchor der Staatlichen Hochschule für Musik" war ein weit über den Kölner Raum hinaus bekanntes, aus jungen Schulmusikern bestehendes Ensemble "von unerhörter Präzision und Musikalität". Mit dem Madrigalchor gab er zahlreiche Konzerte und nahm die "Liebesliederwalzer" und "Zigeunerlieder" auf Schallplatte auf. Auch viele eigene Chorwerke produzierte er in "authentischen", heute bereits historischen Aufnahmen für den WDR, außerdem zeitgenössische Werke von Strawinsky, Stockhausen, Lemacher, Karl Marx und Georg Trexler.

Als Dirigent des Kölner Bach-Vereins (1946-1961) gab er dem Kölner Musikleben wichtige Impulse und führte alle wichtigen Chorwerke des 17.-19. Jahrhunderts auf: die Passionen, die Messen in h-Moll und G-Dur, das Weihnachtsoratorium und Magnificat von Bach, Mozarts Requiem, Messen und Vespern, "Die Schöpfung" und "Die Jahreszeiten" von Haydn, Beethovens "Missa solemnis", die Messen Bruckners, aber auch Motetten und Madrigale von der Renaissance bis zu Distler und Hindemith. Unter seiner Leitung erklang am 23. November 1949 auch Igor Strawinskys Messe erstmals in Köln. Zwei Ausschnitte aus Konzertkritiken mögen das hohe Niveau jener Konzerte veranschaulichen.



Über die Aufführung der Strawinsky-Messe schreibt Herbert Eimert:

"Im Aufbau ist es ein erstaunlich einfaches Werk, allerdings von einer ungewohnten, archaischen Strenge und Gefasstheit. Vieles klingt darin, als ob Strawinsky bewusst an die erste zaghafte Mehrstimmigkeit des frühen Mittelalters angeknüpft habe. Auch der moderne Bläserklang des doppelten Quintetts fühlt sich in diesem "primitiven" Klangbild ein. Alles Gefühlsmäßige, alles bloß Subjektive ist hier verbannt (...). Höchste Bewunderung wert war die Wiedergabe unter der Leitung von Hermann Schroeder (...). Es war eine musikalisch und geistig gleich bedeutsame Aufführung, die von echter Hingabe und eindringendem Verständnis geleitet war, eine Aufführung auch, die den Kölner Bachverein wieder in die Reihe der überlokalen Institutionen gestellt hat."


Die Prinzipien der Bach-Interpretation Schroeders werden in einer Konzertkritik zur Johannes-Passion deutlich:

"Grundpfeiler dieser würdigen, tief berührenden Aufführung waren auch diesmal der unvergleichlich gut geschulte, in allen Stimmen trefflich ausgeglichene und klangschöne Chor und das kleine, technisch überlegene Orchester des Bach-Vereins. Schon der Eingangschor ist ein Prüfstein für den Geist eines solchen Abends: da war kein starres Taktieren, alles blieb in schönstem Fluß, ohne verschwommen zu wirken, alles war mit innerster Anteilnahme gestaltet, ohne dass auch nur ein einziges Mal die Gefahr einer falschen Romantisierung heraufbeschworen worden wäre. Hermann Schroeder ist der vortreffliche Mentor solchen Musizierens, ein Dirigent, der höchste Objektivität der Darstellung mit der Forderung nach intensivem Ausdruck zu verbinden weiß. Er lässt, wo es wünschenswert ist, Chor und Orchester in schönster Farbe erblühen, gibt die Turbae mit äußerster Vehemenz und Präzision und gebietet bei den Volkschorälen größte Schlichtheit und Zurückhaltung. Eine Darstellung, die unserem heutigen Empfinden nach ganz dem Geist des Thomaskantors entspricht und sich glücklich von der romantischen Tradition des vergangenen Jahrhunderts abhebt."


Komponieren in den Fünfzigern

Im Bachjahr 1950, als Hindemith seinen berühmten Hamburger Vortrag "J.S. Bach – ein verpflichtendes Erbe" hielt, führte Schroeder im überfüllten Kölner Dom Bachs Johannes-Passion auf, später noch die Matthäus-Passion und sämtliche Motetten. Dies war sein "praktisches" Bekenntnis zum "verpflichtenden Erbe" Bachs.
In den avantgardistischen 50er und 60er Jahren war dies ein programmatisches Zeichen für Schroeders Verständnis von Komposition: er knüpfte an die Werke der Tradition an und bemühte sich um eine "evolutionäre" Moderne. Tradition und Fortschritt waren für ihn keine Gegensätze, er wollte aus der Geschichte lernen und war gleichzeitig für Neues offen. "Moden kommen und gehen", sagte er einmal, "darauf baut man keine Kunst auf."
Auf meine Frage, welche Komponisten ihm Leitfigur waren, nannte er einerseits Hindemith, der "das Prinzip der Linearität und Polyphonie am überzeugendsten zur Wirkung brachte, indem er linear schrieb, ohne auf die Vertikale Rücksicht zu nehmen", andererseits aber auch Max Reger: "Reger war auf dem richtigen Weg, als er die romantische Harmonik mit der Linearität und Polyphonie Bachs verbinden wollte. Er ist zu früh gestorben, um eine endgültige Lösung zu finden." Für sich selbst sah Schroeder eine Art Mittelweg zwischen Regers harmonischer Polyphonie und Hindemiths radikaler Linearität: "Die Linearität mit dem Klanglichen zu verbinden ist die Aufgabe, an der wir heute arbeiten."

Partita "Veni creator spiritus" (Anfang des 4. Satzes)

Die 50er Jahren sind Schroeders bedeutendste Schaffensphase, hier fand er seinen persönlichen Kompositionsstil und schrieb einige seiner wichtigsten Werke: das Magnificat (1951), Die Responsorien der Karwoche (1954) und die Missa "Regina coeli" (1950) für Chor, für Orgel "Die Marianischen Antiphone" (1953), die 1. Orgelsonate (1957) und die Partita "Veni creator spiritus" (1959), anspruchsvolle Kammermusikwerke wie das 2. Streichquartett (1952), das 1. Klaviertrio (1954) oder das Sextett für Klavier und Bläser (1957), außerdem die sehr empfehlenswerte 2. Klaviersonate (1953), ein Oboenkonzert (1955) und das Konzert für Klavier und Orchester (1956), das unter seiner Leitung mit der Solistin Tiny Wirtz beim Südwestfunk uraufgeführt wurde. Es ist Schroeders erfolgreichste und produktivste Zeit, ablesbar an zahlreichen Kompositionspreisen und wichtigen Ereignissen:

1952 erhielt er für sein 2. Streichquartett den Robert-Schumann-Preis der Stadt Düsseldorf, als vierter Preisträger nach Pfitzner, Hessenberg und Henze.

1954 ehrte der WDR den Fünfzigjährigen mit einem Konzert im großen Sendesaal, dessen neue Orgel Schroeder mitdisponiert hatte. Unter seiner Leitung erklang das Orgelkonzert, die Missa "Regina coeli" und die Faustkantate "Carmen mysticum" für Sprecher, Solisten, Chor und Orchester. Ausführende waren der Bach-Verein und das Gürzenich-Orchester.

1955 erhielt er für seine Choralfantasie "O heiligste Dreifaltigkeit" den 1. Preis des Kompositionswettbewerbs in Haarlem/Holland.

1956 wird ihm für sein Gesamtschaffen der Kunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz verliehen.

1958 wird er Stellvertretender Direktor der Kölner Musikhochschule.



Ein Herzinfarkt im Jahre 1961 setzt eine Zäsur und unterbricht sämtliche Aktivitäten für fast ein Jahr; die Unterrichtstätigkeit ruht, es entstehen keine Kompositionen mehr. Mitten in den Probenarbeiten zu Bachs Messe in h-Moll musste er auch die Leitung des Bach-Vereins niederlegen, was ihm besonders schwer fiel. Sein Nachfolger wurde der ehemalige Leipziger Thomaskantor Kurt Thomas (1904-1973).