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1904 bis 1945
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Die Jahre 1904 bis 1945


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Jugend- und Studienzeit

Hermann Schroeder wurde am 26. März 1904 in Bernkastel-Kues (Mosel) geboren und wuchs in einem katholischen, der Musik sehr aufgeschlossenen Elternhaus auf. Mit 6 Jahren erhielt er Klavier-, mit 11 Jahren Orgelunterricht und schon früh interessierte er sich für alles, was mit Kirchenmusik zusammenhing. Es ist wohl den schwierigen Zeitumständen zuzuschreiben (die Jugend fiel 1914-1918 in die Zeit des 1. Weltkrieges), dass Schroeder sehr intensiv in die religiöse und kirchenmusikalische Thematik hineinwuchs. Schon früh zeigte sich auch eine Begabung für die Improvisation. In seinem eigenhändigen Lebenslauf erinnert er sich:

"Der erste Klavierunterricht war ständig von einem freien Präludieren 'bedroht', in das ich mich aus den Stücken der Klavierschule, aus den bekannten Übungssonatinen usw. immer wieder hinausstahl und das mir den häufigen Tadel des Vaters zuzog: 'Du sollst üben und nicht immer auf dem Klavier orgeln!' Solange ich noch nicht selbst auf der Orgelbank sitzen durfte, stand ich aber immer neben dem Organisten (...), bis endlich die ersten Versuche glückten, wenn auch die Beine kaum bis zum Pedal reichten. Im Ersten Weltkrieg war ich dann mit dem Rad auf die verschiedenen umliegenden Dörfer zumal sonntags unterwegs, und spielte auch an Werktagen wohl hunderte von Totenmessen für die Gefallenen, oft schon zwei vor dem Schulbeginn."


Heinrich Schroeder am Harmonium (1916) ( HSG)

1919 wechselte der 16-jährige Hermann Schroeder nach Trier, wo er 1923 das Abitur machte. Im Zeugnis fallen die Fächer Religion (gut) und Musik (sehr gut) auf. Während seiner Schulzeit erhielt er prägende kirchenmusikalische Eindrücke: Als Mitglied des Trierer Domchores lernte er die Vokalpolyphonie Palestrinas und der Niederländer kennen und lieben, an der Orgel wirkte damals der Rheinberger-Schüler Ludwig Boslet (1860-1951). "Es ist also verständlich, dass ich als Lebensziel die Kirchenmusik vor Augen, die ich über das theologische Studium erreichen wollte", schreibt er in seinem Lebenslauf und studiert zunächst in Innsbruck drei Jahre Theologie am "Canisianum", einem bedeutenden Ausbildungsinstitut der Jesuiten. Er dachte aber weniger an eine priesterliche Laufbahn, sondern hatte den Wunsch, Domkapellmeister in Trier zu werden, was damals nur mit einer vorherigen theologischen Ausbildung möglich war.

1926 brach er das Theologiestudium ab, um endlich Musik zu studieren und ging an die ein Jahr zuvor unter Oberbürgermeister Konrad Adenauer neu gegründete Kölner Musikhochschule. Hier studierte er Kirchen- und Schulmusik bei erstklassigen Lehrern wie Heinrich Lemacher und Walter Braunfels (Komposition), Domorganist Hans Bachem (Orgel), Dominicus Johner OSB (Gregorianik) und Edmund Joseph Müller (Musikpädagogik). Dirigierunterricht hatte er bei Hermann Abendroth, dem späteren Leipziger Gewandhauskapellmeister. 1930 machte er das Schulmusik-Examen und erhielt in Komposition und Orgel das Prädikat "mit Auszeichnung". In der Orgelprüfung spielte er seine erste eigene Komposition: Präludium und Fuge über "Christ lag in Todesbanden", ein temperamentvolles, virtuoses Werk, mit dem er gleich zu Beginn seines Komponierens ein Bekenntnis zu alten Formen und polyphonen Satztechniken und vor allem zu J.S. Bach und Max Reger ablegt.

Präludium "Christ lag in Todesbanden" (Beginn)


Erneuerung der Kirchenmusik

1930 bis 1938 wirkte Schroeder zunächst als Dozent an der Musikhochschule in Köln, außerdem unterrichtete er als Schulmusiker am Kölner "Königin-Luise-Gymnasium" und gründet ein eigenes Kammerorchester. Nebenher leitet er den Kirchenchor an St. Joseph in Duisburg, für den er die ersten geistlichen Chorwerke komponiert und in der Praxis erprobt, vor allem das Te Deum op. 16 für gemischten Chor und Bläser oder Orgel (1932), das stark von der Gregorianik inspiriert ist.

Zusammen mit Heinrich Lemacher (1891-1966) engagiert er sich auf Fortbildungsveranstaltungen des "Allgemeinen Cäcilienvereins" (ACV) für eine Erneuerung der Kirchenmusik. Es war sein Anliegen, dass die Kirchenmusik wieder Anschluss an die zeitgenössische Kunst finden sollte und die "vollständige Isolierung der Kirchenmusik" überwunden wird, zu der die engstirnige Politik des Cäcilianismus im 19. Jahrhundert geführt hatte. Treibende Kraft jener Entwicklung war die 1927 gegründete "Internationale Gesellschaft zur Erneuerung der katholischen Kirchenmusik" (IGK). Auf deren Festwochen 1930 in Frankfurt und 1933 in Aachen erklangen erstmals Werke von Schroeder und anderen Komponisten seiner Generation, damals noch unbekannte Namen wie Joseph Ahrens, Johann Nepomuk David, Flor Peeters oder Ernst Pepping.

In der "Programmschrift" der IGK wurden die wesentlichen Ziele der Reformer genannt: Orientierung der Kirchenmusik an ihrer liturgischen Funktion, Entwicklung neuer Werke aus dem Geist der Gregorianik und der Polyphonie, Überwindung der romantischen Tonsprache durch freitonale oder modale Harmonik und durch eine bewusste Strenge des Ausdrucks. Grundlage dieser kirchenmusikalischen Neuorientierung war das Motu proprio "Inter pastoralis officii", mit dem Papst Pius X. am 22. November 1903 die Kirchenmusik "als wesentlichen Bestandteil der feierlichen Liturgie" aufwertete und die drei Bereiche Gregorianik, klassische Vokalpolyphonie und zeitgenössische Kunst als angemessene Ausdrucksformen der liturgischen Musik bezeichnete.

Schroeders besondere Liebe galt dem gregorianischen Choral, wobei ihn und andere Komponisten seiner Zeit vor allem zwei Aspekte interessierten: durch seine "leittonfreie", kirchentonale Struktur kam der Choral der freien Tonalität des 20. Jahrhunderts stärker entgegen als die Dur/Moll-tonalen Melodien des 18. und 19. Jahrhunderts. In seiner diatonischen Ausrichtung war der Choral eine Hilfe, um die chromatische Funktionsharmonik der Spätromantik zu überwinden. Zum zweiten kennt der Choral kein starres Taktschema und besitzt eine frei fließende Rhythmik. Unter dem Titel "Vom Geist der neuen Kirchenmusik" schrieb Schroeder am 7. Januar 1934 anlässlich der Aachener Tagung der IGK: "Der Geist der Kirchenmusik ist in seinem innersten Sein ein liturgischer, d.h. die Verherrlichung des Schöpfers alles Geschaffenen. (...) Die Orientierung einer Musik ‚im Geiste des Chorals’ ist nach der kirchlichen Gesetzgebung das wesentliche Kriterium für den religiösen, liturgischen Charakter einer Kirchenmusik. Es kommt also nur auf die choralische Haltung einer Musik an und nicht auf irgendwelche äußeren Bindungen: Das Choralzitat bietet z. B. keine Gewähr für die innere Einstellung der auf ihm aufgebauten Musik. (...) Im Geiste des Chorals ist eine Musik, die ihre Möglichkeiten aus der Singstimme ableitet: jeder Sänger soll singen, d.h. melodisches Geschehen gestalten können; die chorische Polyphonie ist das Ergebnis. (...) Im Geist des Chorals ist ein schwebender Rhythmus, der über die Grenzen symmetrischen Taktaufbaues schwingt und in seiner Unfassbarkeit Abbild und Ahnung des Übersinnlichen, Unbegreifbaren ist."

Nicht nur als Komponist sondern auch als brillanter Organist und Improvisator machte sich Schroeder seit 1930 bald einen Namen, gab Konzerte und machte Aufnahmen im Kölner Rundfunk. Der Bezug zur musikalischen Praxis war ihm wichtig und man merkt den frühen Orgelwerken wie der brillanten Toccata op. 5a an, dass sie am Instrument ausprobiert und auf seine Möglichkeiten optimal zugeschnitten sind. In einem Bericht über eine Konzertreise (1934) mit dem Aachener Domchor in Belgien, der Schweiz und in Italien heißt es: "Von der Orgel her wusste der Kölner Hermann Schroeder mit der geistig und technisch überlegenen Wiedergabe seiner c-Moll-Tokkata – welch ein prächtiges Stück neuzeitlicher Orgelmusik! – des Präludiums in B von Bach und einer Kirchenliedimprovisation, eine reichgestufte Gliederung vom Instrumentalen aus in den Aufbau der Vokalwerke hineinzutragen." Und über ein Konzert in der päpstlichen Kirchenmusikschule in Rom heißt es weiter: "An der Orgel hatte wiederum Hermann Schroeder hinreichend Gelegenheit, als schöpferischer wie als reproduzierender Musiker sein hohes Künstlertum unter Beweis zu stellen."
1938/39 wurde Schroeder Domorganist in Trier und gab eine Reihe von Orgelkonzerten in der Kirche St. Paulin. 1939-1941 war er Direktor der Trierer Städtischen Musikschule, die damals noch die Möglichkeit zur Ausbildung von Kirchenmusikern hatte. Im Juli 1941 wurde Schroeder zum Kriegsdienst nach Serbien eingezogen, im August 1942 an den Soldatensender Belgrad versetzt.